Afro-Brasilianische Geschichten aus dem Amazonasgebiet

 

Joao Ataide

Die Afro-Brasilianer*innen João Ataide und Joseane Calazans erzählen die Geschichte des Schwarzen Amazonas neu. Foto: Nils Brock

(Berlin, 5. Dezember 2017, npl).- „Als Lehrer fiel es mir immer schwer, über die Geschichte der Schwarzen zu sprechen,“ sagt João Ataide leise. Auch heute merkt man ihm das an. Sein Blick ist nach unten, auf ein Grasbüschel gerichtet. Dahinter steht ein zweigeschossiger Betonbau mit Seminarräumen, ganz ähnlich der Schule im brasilianischen Macapá, einer 300.000 Einwohner-Stadt im nördlichen Amazonasgebiet Brasiliens, wo Ataide sonst unterrichtet. „Stell Dir vor, ein Klassenzimmer, 35 Schüler und ich als Schwarzer rede über Sklaverei. Es ist eine peinigende Geschichte und sie wird ohne Unterlass heruntergebetet, damit wir mental bloß nie vom Sklavenschiff herunterkommen.“

Dieser Text erschien zuerst in: Poonal

Um diesem Dilemma zu entkommen, entwickelte Ataide einen anderen Zugang zur brasilianischen Geschichte: er übersetzt historische Fakten in Rapmusik. Seine gehaltvollen Reime sind bekannt in den Klassenzimmern von Macapá. Die Stadt hat eine afroamerikanische Gegenwart und Vergangenheit – wie so viele Orte in ihrer Umgebung. Offiziell beginnt die Immigration von Afrikaner*innen ins Amazonasgebiet im späten 17. Jahrhundert, als holländische und englische Schiffe mit Sklavenarbeiter*innen auch in den Dschungel fernab der lukrativen Zuckerplantagen im Landesinnern vordrangen. Doch selbst aktuelle Forschungen tun oft so, als seien die Schwarzen nie dort angekommen. „Es gab von Beginn an eine Reihe von Faktoren, die für die Einfuhr schwarzer Arbeitskräfte ungünstig waren,“ schreibt beispielsweise der brasilianische Historiker Vicente Salles. „Die weißen Siedler hatten nicht nur wenig Ressourcen, die Schwarzen passten sich auch nur schlecht an die rentabelste Wirtschaftsaktivität hier an, das Sammeln von Gewürzpflanzen.“

Schwarze Autonomie und marokkanische Migranten

Soll heißen: beim Zimt- und Nelkenpflücken waren Indigene einfach geschickter. Von dieser allgemeinen Behauptung sei es nur ein kleiner Schritt, die historische Rolle der Schwarzen im Amazonas komplett zu verleugnen oder sie zu passiven Objekten zu degradieren, beschwert sich Ataide. Dabei waren es seine Vorfahren, die die Festungsanlagen und die Kirche Macapás bauten. Und nicht nur das. Denn es gab eine Zeit, in der Macapá von den Portugies*innen und Spanier*innen komplett vergessen wurde. „Die Stadt wurde daraufhin von den Schwarzen weiter organisiert, die nach dem Bau der Festung geblieben waren. Es gab keinerlei Präsenz der Kolonialherren,“ erzählt Ataide und fügt stolz hinzu: „Für eine lange Zeit regierten die Schwarzen die Stadt.“

Ganz anders, aber nicht weniger spannend verlief die Geschichte des kleinen Nachbarortes Mazagão. Der Name erinnert an die Herkunft der Gründer, portugiesische Kolonialherren, die vor über 300 Jahren aus dem marokkanischen Mazagão hierher kamen. “Damals kam es dort zu religiösen Konflikten,” erzählt Joseane Calazans. “Die portugiesisch-stämmigen Christen flohen mitsamt ihrer schwarzen Haussklaven 1669 nach Brasilien.“ Damit beginnt die Geschichte eines neuen Mazagãos im Amazonas. Am 23. Januar 1770 wurden die 163 Familien und ihre Sklav*innen in einem Fort angesiedelt. Eine ihre Nachfahren ist die Mittzwanzigerin Calazans, die sich seit einigen Jahren dafür einsetzt, dass dieses “portugiesische Erbe mit afrikanischen Wurzeln“, wie sie es nennt, nicht in Vergessenheit gerät.

„Für eine lange Zeit regierten die Schwarzen die Stadt“

Joseane Calazans unterrichtet wie Kollege Ataide Geschichte, aber auf Rap und Sprechgesang verzichtet sie in ihrem Unterricht. Um die Historie ihrer Stadt neu zu erzählen, setzt die junge Frau auf ein anderes Medium: den Film. Seit zwei Jahren arbeitet sie mit an der Dokumentation Porta do Mar, was übersetzt soviel heißt wie Tor zum Meer. Der Film erzählt die Geschichte der beiden Mazagãos. „Die Menschen in Marokko und im Amazonas kommen zu Wort,“ sagt Calazans und führt aus, wie sich Doku dem jährliche Spektakel annähert, mit dem mitten im Amazonas an den Krieg zwischen Mauren und Christen erinnert wird. „Klar werden wir manchmal gerügt, warum wir soviel Aufheben um ein Kapitel der portugiesischen Kolonialzeit machen. Aber sie ist nun mal auch unsere Geschichte und die wollen wir bewahren.“

Quilombos gegen Agrarspekulanten

Afro-Brasilianer

Schwarze arbeiten schon seit Jahrhunderten im Amazonasgebiet. Foto: Pororoca

Die Geschichte der schwarzen Bevölkerung beschränkt jedoch nicht nur auf die von Weißen gegründeten Amazonasstädte. Auch Schwarze, die der Sklaverei entfliehen konnten, organisierten bereits vor 300 Jahren eigene Siedlungen im Regenwald, so genannte Quilombos – lange im Verborgenen und seit rund dreißig Jahren mit staatlicher Anerkennung. „Es waren von Beginn an Orte der Selbstorganisation,“ erklärt Ataide engagiert. „Erst die Verfassung von 1988 erkannte diese Siedlungen offiziell an. Es gibt in ganz Brasilien mehr als 5000 Quilombos.“

Im Amazonasgebiet befinden sich hunderte schwarze Gemeinden. Längst nicht alle sind als Quilombos eingetragen. Nur wer seine Geschichte kennt und verteidigt, hat die Chance, selbst über das angestammte Land zu entscheiden. Emblematisch ist die Geschichte des Quilombo Frechal im Amazonas-Bundestaat Maranhão. Ende der 1980er versuchten dort bewaffnete Agrarspekulanten, sich ein Stück Land von der Größe der Stadt Bremen anzueignen. Dabei hatten die schwarzen Arbeiter*innen diese Hacienda bereits Jahrzehnte zuvor erworben. Nur der gemeinsame Widerstand half ihnen damals, ihr Recht auf Land durchzusetzen.

„Wir besetzten gemeinsam die Umweltbehörde, später die Zentrale der hier regierenden Arbeiterpartei,“ erinnert sich die Bewohnerin Valdilene Mondego. Am Ende halfen die Parteigänger*innen sogar, Demos zu organisieren und jeden Tagen spielten Mondego und ihre Mitstreiter*innen die Trommeln, zu Ehren ihres Schutzpatron São Benetido. Der Protest war erfolgreich. „1992 unterzeichnete der damalige brasilianische Präsident Fernando Collor de Mello ein Dekret, dass unser Land zu einem von uns verwalteten Schutzgebiet machte,“ sagt Mondego. „Es war die offizielle Geburtsstunde des Quilombo Frechal.“

Diskriminierung vs. kulturelle Selbstermächtigung

Joao Ataide

Der Lehrer und Musiker Joao Ataide. Fofo: Nils Brock

Nicht überall sind die Bewohner*innen jedoch daran interessiert, ihre Gemeinde als Quilombo anerkennen zu lassen. Quilombo, das klinge einigen zu rückständig, weitere fürchteten den rassistischen Blick der anderen, erklärt Ataide. Doch dieser verfolge einen in Brasilien ohnehin überall – so auch ihn, wenn er nach Schulschluss als Hobbymusiker auftritt. „Wenn ich mit meiner Band unterwegs bin, dann fahr ich von Zuhause direkt zu den Konzerten und wieder zurück,“ sagt Ataide betrübt. „Ich fühle mich nicht wohl, in eine Bar zu gehen, ich ertrage die Blicke nicht.“ Nur ein paar Kilometer weiter, in Französisch Guayana sei das ganz anders. Dort könne man ins Kino gehen, in den Supermarkt, ohne sich beobachtet zu fühlen. „Klar, auch dort gibt es soziale Kämpfe, aber die Schwarzen leiden weniger unter Rassismus als in Brasilien.“

Noch nie sei Ataide zum Beispiel bei einer Verkehrskontrolle einfach durchgewunken worden. Er schluckt. Die Musik und die schwarze Kultur geben ihm in solchen Momenten Kraft. Auch Joseane Calazans sieht in den öffentlichen Feste in ihrer Gemeinde keine rückständige Folklore, sondern eher die Chance, den schwarzen Amazonas und seine Geschichten sichtbar zu machen. Bald schon wird es dazu wieder Gelegenheit geben. Im religiösen Kalender der Gemeinde steht das bunte Fest der Jungfrau des Lichts an. In das katholische Spektakel fließen auch afrobrasilianische Kulte ein. Den Soundtrack wird unter anderem Ataides Band Afro Ritmos liefern: mit melancholischen Marabaixo-Rythmen, die an die Überfahrt auf den Sklavenschiffen erinnern und mit Batuque-HipHop – dem rebellischen Sound des heutigen schwarzen Amazonas.

Zu diesem Artikel gibt es bei Radio onda einen Audiobeitrag, den ihr hier anhören könnt.

CC BY-SA 4.0

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